I reserve my right to feel uncomfortable reserve my right to be afraid.
I make mistakes and I am humbled every step of the way.
I want to be a better person I wanna know the master plan.
Cast your stones, cast your judgement, you don’t make me who I am.
– „Sometimes Your The Hammer, Sometimes Your The Nail“ – A Day To Remember

Hat man das Recht sich unwohl zu fühlen?
Hat jeder dieses Recht?
Ist dieses Recht für bestimmte Menschen reserviert?

Wenn man heutzutage Unwohl an sich selbst äußert, wird es recht schnell als Schrei nach Aufmerksamkeit abgestempelt.
Sobald jemand Unwohl äußert, obwohl er in dem geäußerten Thema als „normal“ eingestuft werden kann, wird das schnell mit negativen Worten abgefertigt.
Das lässt mich darüber nachdenken, ob „Unwohlsein“ ein Privileg ist, was manche für sich gepachtet haben. Ab wann hat man das Recht sich unwohl zu fühlen? Gibt es Begrenzungen? Gewicht? Summen? Anzahlen? Wie ist das geregelt? Und wer macht diese Grenzen?
Wer schreibt vor, dass sich nur dicke Menschen mit ihrem Körper unwohl fühlen dürfen? Wer schreibt vor, dass sich nur dünne Menschen mit ihrem Körper unwohl fühlen dürfen?

Unwohlsein ist ein Teil eines Gleichgewichts, das jeder Mensch in sich drin trägt. Alles ist ein Gleichgewicht und jeder Mensch muss versuchen bei allem die Waage zu halten. Doch sobald sich irgendwas nicht im Gleichgewicht befindet, besteht die Chance, dass sich auch ein paar andere Waagen verschieben. Diese Waagen können auch durch äußere Einflüsse ins Ungleichgewicht geraten.
Nur, weil man in bestimmten Themen und Bereichen als „normal“ als „Standard“ eingestuft wird, heißt das noch lange nicht, dass die Bewältigungkompetenzen bzw. die Ressourcen an Kritikverträglichkeit auch an diese Einstufungen angepasst sind.Unwohl fühlen

Heißt: nur, weil „normal“ draufsteht, heißt es noch lange nicht, dass auch „normal“ drinsteckt.
Man ist nicht in erster Linie die Person, die die anderen sehen wollen, sondern die Person, die man selbst sein möchte. Man stuft sich selbst ein. Jeder macht seine eigenen Regeln. Zumindest sollte das so sein.

Jeder hat das Recht sich unwohl zu fühlen. Jeder hat das Recht sich auch mal nicht gut zu finden.
Jeder sollte versuchen die Person darzustellen, die er gerne darstellen möchte. Eine gute Person. Eine bessere Person. Eine bessere Person als gestern.
Eine gute Person werden ist aber kein leichter Weg. Es erfordert Fehler finden, Fehler bearbeiten, Dinge verbessern wollen. Seinen eigenen Standard finden, auf diesen hinarbeiten und wenn man ihn erreicht hat, ihn versuchen zu halten. Das sollte das Ziel sein.
Stößt man an dieser Stelle auf komplette Ablehnung, fehlende Akzeptanz und Missverständnis, ist das mehr als kontraproduktiv.
Unwohlsein ist ein Prozess. Wie ein Virenprogramm. Es läuft durch und zeigt dir alle deine Fehler. Das muss man akzeptieren und dann genau dort ansetzen.
Wenn wir uns das Recht rausnehmen uns Unwohl zu fühlen, dürfen wir uns auch das Recht nehmen anderen über dieses Ungleichgewicht hinweg zu helfen. Menschen dabei helfen wieder in die Waage zu bringen. Produktiv statt kontraproduktiv. Was spricht dagegen?

Wieso nehmen wir anderen Menschen das Recht Fehler an sich selbst zu finden, nur, weil andere Menschen offensichtlich größere Fehler an sich haben?
Warum erlauben wir es uns Menschen einzustufen, obwohl wir den Hintergrund von „normal“, „dick“ und „dünn“ nicht kennen?
Es ist okay sind unwohl zu fühlen. Egal, unter welchen Bedingungen.
Wir haben nichts davon anderen Menschen Rechte zu nehmen, wir haben nur was davon Menschen Rechte zu geben und mit ihnen gemeinsam daran zu arbeiten das Gleichgewicht in ihnen wieder herzustellen.

2 thoughts on “Über das Recht sich unwohl zu fühlen”

  1. Nachdem ich nun längere Zeit ein doch eher stiller Passagier im Iss-Schlaf-Zug war, melde ich mich doch mal wieder zu Wort.
    Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob das vielleicht nicht sogar besser unter den „Unsportlich“-Artikel gehört. Irgendwie zu beidem…
    Jedenfalls, haben mich die beiden Artikel etwas nachdenken lassen und ich bin zu sehr seltsamen Erkenntnissen gekommen, die ich hier ganz gerne teilen wollen würde.
    Ich bin 1,80m groß und vor etwa ein bis zwei Jahren wog ich noch knapp 20 Kilo mehr als heute, nämlich knapp 90 Kilo. Damals fühlte ich mich mit diesem Gewicht wohl, auch wenn ich mich nicht attraktiv fand fand, soweit man das bei sich selbst beurteilen konnte. Ich mochte keine Fotos von mir, weil ich darauf nicht gut aussah, redete mir allerdings selbst ein, dass das eben ein günstiger Moment war. Blabla man kennt das. Dennoch fühlte ich mich wie gesagt eigentlich ziemlich wohl. Aß was ich wollte, bis zur (Über-)Sättigung und dachte nicht über zu späte oder zu ungesunde Mahlzeiten nach. So gab es auch mal um Mitternacht noch eine Tiefkühlpizza, nach der ich dann mit vollem Bauch ins Bett gelegen bin.
    Dann zog ich irgendwann in die Einliegerwohnung im Haus meiner Eltern und die Küche war plötzlich in einem anderen Stockwerk. Und tatsächlich fühlte dieser Umstand gekoppelt mit meiner enormen Faulheit dazu, dass ich weniger aß und anfing einen vollen Magen mit Wasser zu füllen. Süßigkeiten wurden weniger, nicht weil ich sie nicht essen wollte, sondern weil sie weiter waren und so verlor ich, ohne aktiv daran zu arbeiten circa 15 Kilo. Richtig bemerkt habe ich das erst, als mich meine Mutter darum bat mich mal wieder zu wiegen und dann plötzlich 75 statt 88 auf der Waage stand.
    Dann endete die letzte Theoriephase meines dualen Studiums und Ich kam nach einigen Monaten wieder zurück in meine Firma. Hier wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie krass ich mich wohl optisch verändert haben musste, weil die Leute dort tatsächlich erstaunt waren und viele mich darauf angesprochen haben. Das war natürlich super und pushte mein Selbstwertgefühl natürlich sehr. Ich fühlte mich wohler als je zuvor in meinem Körper. Gleichzeitig wurde mir aber auch bewusst wie „dick“ ich wohl gewesen sein muss. („dick“ hier in Anführungszeichen, da ich niemandem sagen möchte, dass er mit diesem Gewicht dick ist. Ich fühlte mich in meinem Körper einfach nur retrospektiv so.)
    Durch die neue Festanstellung hatte ich dann auch deutlich mehr Kontakt mit einem neuen Team und dort sind zufällig zwei sehr gute Kollegen, die sehr viel auf ihre Ernährung achten, darin belesen sind und das auch durchziehen. Natürlich kam das ganze Thema dort auch auf (sie kannten mich ja auch in „dick“) und wir befruchteten uns gegenseitig. So begannen wir alle drei uns immer gesünder zu ernähren und parallel dazu fing ich wieder an (minimal) Sport zu machen, nachdem ich das Jahre lang überhaupt nicht tat. Ein Bewusstsein für den eigenen Körper und dessen Gesundheit entstand und ich nahm weiter ab, baute parallel ein bisschen Muskeln auf, verbrachte mehr Zeit draußen, begann auf Bio-Siegel zu achten und mich mit Superfoods zu beschäftigen.
    Toll. sollte man meinen… Denn obwohl mein Körper vermutlich gesünder ist als jemals zu vor und ich in den vier Monaten, die das Jahr nun alt ist, so viel Obst und Gemüse gegessen habe, als die letzten 10 Jahre zuvor, fühle ich mich plötzlich irgendwie unwohl.
    Mein Bauch ist mir nun ein viel größerer Dorn im Auge als noch vor zwei Jahren, obwohl er deutlich schlanker ist. Ich esse nicht mehr so viel, obwohl ich es super lecker finde, weil mir viel bewusster ist, wie fettig oder voller Zucker manche Nahrungsmittel sind etc. Durch das neue Bewusstsein bemerke ich also eher neue schlechte Dinge an mir, als die positiven Veränderungen… Doof.
    Das Ganze wird dann vor allem doof, wenn man parallel dazu sieht, wie glücklich die Menschen um einen herum sind, die eben nicht dieses Bewusstsein haben. Da gibt’s zum Frühstück gezuckertes Müsli und zum Mittag nen Döner. Getrunken wird nur Cola oder selten Tee (natürlich gezuckert…). Sätze wie „Machst du immer noch extra Zucker auf deine Erdbeeren?“ werden dann mit völliger Verwirrung a la „Hä? Ja klar. Sonst schmeckt das doch nicht. Isst du die wirklich einfach so?“ beantwortet.
    Und da liegt das eigentliche Problem. Nachdem man jahrelang ungesund lebte, denkt man, man tut sich selbst etwas Gutes und gehört plötzlich irgendwie zu einer gesellschaftlichen Nische. Zumindest fühlt sich das gerade für mich extrem danach an. Zwischen der „Ich trainier die Beine nicht, weil man sie im Club nicht sieht und ernähre mich ausschließlich von Protein-Shakes“-Fraktion und der Maße an Leuten, denen das einfach alles egal ist, komme ich mir wie ein Teil einer unglaublich kleinen Gruppe an Menschen vor, die einfach gesund leben wollen, ohne am Ende des Tages ihren Bizeps messen zu müssen. Parallel dazu verachten sich diese Gruppen noch gegenseitig und während die einen über „den fetten Nerd“ lästern, regen sich die anderen über „Pumper-Prolls“ auf. Zudem wird man aktuell auf social media irgendwie damit bombardiert, dass man sich auch mit Übergewicht wohl fühlen soll und es toll ist, wenn man glücklich ist. Und ich finde auch gut und wichtig, dass diesen Menschen Mut gemacht wird, gerade wenn sie deshalb schlecht behandelt werden, gleichzeitig gibt es mir aber das Gefühl, dass ich irgendwie ein schlechter, böser Mensch bin, weil ich nun mal einen schlanken Körper sowohl an mir als auch an Anderen ansprechender finde. Also fühle ich mich schlecht, weil sich Andere gut fühlen? Weiß nicht.
    Ich fühle mich unwohl Aufgrund eines Körpers, durch den ich mich aber ursprünglich wohl fühlte. Habe ich nun das Recht mich unwohl zu fühlen oder sollten andere die Pflicht haben sich unwohl zu fühlen?
    Wäre schön hierzu ein paar Perspektiven oder zumindest eine Antwort von dir, Caro, zu bekommen, weil ich gerade echt ein bisschen ratlos bei diesem Thema bin.
    Grüße,
    Lu

    PS: Ist ein bisschen länger geworden. Upsi.

    1. Hallo Lu,

      puh das ist schwer. Ich habe rund um meine Knie OPs auch krass gestruggelt. Vermutlich würden die +-8 Kilo niemandem auffallen, aber ich habs gemerkt. Ich fühlte mich schwerer, trägert und unwohler. Nachdem sich das eingependelt hat, habe ich immer wieder neue Sachen gefunden, die mich genervt haben. Die dicken Oberschenkel, der Po. Alles schwabbelig, der Quadriceps Femoris wollte nichts wachsen. Doch irgendwann ist mir das gleiche passiert wie dir. Plötzlich habe ich mich mehr mit meinem Essen beschäftigt, habe mich darauf konzentriert auch mal einen Blick auf die Rückseite von Lebensmitteln zu werfen, habe mir aber immer die Option zu lassen: Zucker ist kein Gift.
      Ich trinke keine Softdrinks mehr, nur noch Mate als einzige Ausnahme. Ich brauche Süßes. Das gehört dazu, aber auch nur in Maßen. Doch ich glaube es ist wichtig zu wissen, dass auch ungesunde Nahrung okay ist. Ich merke schnell wenn ich mich ungesund ernähre. Ich fühle mich müde, fauler und irgendwie komisch. Doch wenn ich mich super gesund ernähre, geht meine Laune runter, während mein Körper auf Hochtouren läuft – ihm fehlt dann der Zucker.
      Das auszubalancieren und das zu finden, was dich happy macht und dir schmeckt ist das einzige, was für dich wichtig ist. Auch zu der Spaltenproblematik – es ist zum kotzen. Es ist 1 zu 1 was du sagst, aber es gibt immer mehr Leute, die sich darauf konzentrieren. Und das ist wichtig. Nur, weil wir nicht in der Überzahl sind, haben wir nicht weniger Recht/Rechte.
      Es spielt ausschließlich eine Rolle wie DU dich fühlst. Ob das repräsentaiv für gesellschaftliche Ansichten ist vollkommen kack egal. Vielleicht sollten wir da auch manchmal mit einer gesunden Portion „scheiß egal, ey“ rangehen. Ich bin grad nicht in Form? Das ist okay, das kommt wieder. Die Hormone schalten um? Alles ist kacke? Ist okay, aber geht vorbei. Versuche herauszufinden, was du brauchst an Bewegung, Ernährung. Damit MUSST du dich nicht 24/7 wohl fühlen, das ist nicht unsere Aufgabe.Das verlangt niemand. Aber das sollte dazu führen, dass du dich im allgemeinen wohler fühlen.

      Hoffe das hilft irgendwie?

      Gruß Caro

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