Wann habt ihr das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Dieses Gefühl, etwas zu entdecken, das schon immer da war, nur nicht im eigenen Leben? Der Adrenalinkick, wenn man es zum ersten Mal macht. Diese komplette Reizüberflutung mit Glücksgefühl und Serotonin?

Von Narben & Operationen

Nein, dies wird kein Tagebucheintrag zu meinem ersten Mal, sondern meine kleine Geschichte über Oskar und mich.
54 Tage nach meiner zweiten Kreuzband-Operation und insgesamt vierten Knie-Operation bin ich zum Fahrradladen gerannt, in der Hand viel Geld und bereit, es bis zum letzten Cent auszugeben. Seit ich denken kann, fahre ich Fahrrad. Immer viel, aber nie gut. Wer kennt es nicht, man bekommt von Oma, der Cousine vierten Grades, Mama oder dem Fahrradladen um die Ecke das gebrauchte Rad Nummer 35. Es macht seinen Job ganz gut, steht einem immer treu zur Seite, doch die platten Reifen häufen sich, das Wasser sammelt sich im Sattel – einen richtigen Anlass sich ein vernünftiges Rad zu kaufen gab es trotzdem nicht.
Doch plötzlich war der Anlass da. Als ich mir im Oktober 2016 beim Laufen den Meniskus riss (Folge des fehlenden Kreuzbands), habe ich mir gesagt: „Sobald ich wieder fit bin, muss ein Fahrrad her.“ Ein ‚Vernünftiges‘. Im Dezember folgte dann die Meniskus-OP und einen Tag später die Horror-Nachricht: „Wenn Sie nicht alle zwei Jahre mit Meniskusriss bei mir sitzen wollen, müssen wir das Kreuzband machen“. Seufzend hoppelte ich drainagenlos nach Hause, doch ich war motiviert – motiviert das Beste draus zu machen. Als größte Pessimistin der nördlichen Hemisphäre eigentlich nicht mein Stil, doch nach vier (zu dem Zeitpunkt drei) Knie-OPs den Kopf hängen zu lassen bringt halt auch nichts. Die nächsten drei Monate arbeitete ich so hart wie nie zuvor. Vollkommen fit und muskulär trainiert folgte am 7. März 2017 die Kreuzband-OP. Und wer hätte es gedacht – das Training zahlte sich aus.
Nach 9 Tagen saß ich auf dem Sitzfahrrad, nach 2 Wochen durfte ich Zuhause ohne Krücken laufen. Nach vier Wochen war ich dann die Krücken ganz los, weitere vier Wochen später auch endlich die Schiene. Mit der Erlaubnis wieder aufs Rad steigen zu dürfen ging es also nun zum Fahrradladen.

Fahrrad ist nicht gleich Fahrrad

Seit Wochen überlegte ich angestrengt, was es denn werden würde. Ein Rennrad? Ein Mountainbike? Ein Trekkingbike? Nach viel Beratung von Freunden war ich mir sicher, dass ich ein Mountainbike haben wollte. Nur bei meinem MacBook-Kauf war ich aufgeregter als an dem Tag im Fahrradladen. Und da war er. Schwarz-blau stand er mitten auf dem Gang und lächelte mich an – Oskar. Nach viel Beratung und einem Budget von 399€ verließ ich den Laden mit Oskar, einem Conway MC427, einem 27,5″ Hardtail mit Stadtaustattung (Licht etc.) und 649€ weniger.

Von da an änderte sich alles.
Am ersten Tag (8 Wochen post-OP) mit Oskar direkt 15 Kilometer gefahren und das erste Mal gemerkt, wie gut sich Radfahren wirklich anfühlen kann. Das Adrenalin, wenn man mit 35kmh durch die Felder heizt. Das Gefühl, wenn man über die Dreckhügel mitten im Wald springt. Ich brauche das.
Nach 9 Jahren Knieproblemen brauche ich diesen Kick. Ich brauche das Gefühl, etwas machen zu können, bei dem ich absolut frei bin. Ich will mich nicht eingeschränkt fühlen. Nicht mehr. 9 Jahre lang fielen täglich Sätze wie „Geht nicht, Knie“, „Kann ich mit meinem Knie nicht machen“. Jeden Tag hab ich diese Narben angestarrt und mir gedacht „Fair ist das alles nicht“. Nein, es ist auch absolut nicht fair, doch das hier ist mein Leben.
Seit ich Oskar habe, ist es anders. Wenn ich mich nicht grade aufs Maul lege, besteht keinerlei Gefahr beim Fahren. Ich spüre das Knie nicht, wenn ich Fahrrad fahre. Jeder Kniepatient wird die eigenartige Erfahrung machen, dass man sein Knie immer und überall spürt. Man spürt die Belastung, die Spannung – und das hört nie wieder auf. Doch beim Fahrradfahren ist das anders. Wenn ich nicht grade einen Berg hochheize, kribbelt ausschließlich der Oberschenkel, das Gelenk ist still.
Als ich das erste mal die Offroadstrecke im Wald entdeckt habe, klopfte mein Herz schneller. Vor 10 Jahren habe ich Skateboardfahren für mich entdeckt, doch da die Knie-Geschichte dazwischenkam, ist alles was davon übrig geblieben ist, diese seltsame Angewohnheit im Vorbeifahren alles auf gute Spots, Kicker und Handrails zu untersuchen. Vielleicht kommt das auch vom zu vielen Tony Hawk spielen, doch darum geht es hier nicht.

Das Mountainbike hat mir die Möglichkeit gegeben, nach so vielen Jahren endlich wieder etwas anderes als Schmerz in den Knien zu spüren. Den Wind in den Haaren und im Shirt gefangen zu spüren, die brennenden Beine zu merken, ohne danach eine Woche mit Knieschmerzen auszufallen.

Das Glück, das ich seit zwei Monaten erlebe, ist unbeschreiblich und es ist fantastisch, sich endlich wieder lebendig zu fühlen.

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